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Buchtipp: Die Vegetarierin

Cover Han Kang Die VegetarierinEndlich mal wieder ein richtig gutes Buch gelesen: Die Vegetarierin von Han Kang

Yong-Hye wird war eine Frau von unglaublicher Durchschnittlichkeit, bis sie nach einem Traum kein Fleisch mehr isst.Das könnte jetzt ein Erfahrungsbericht sein, in dem es darum geht wie verlockend gegrilltes Fleisch riecht und wie moralisch gut man sich fühlen kann, es nicht zu essen, aber hier geht es um etwas ganz anderes.

Dieses andere ist schwer zu greifen, ähnlich wie bei einem Roman von Murakami entsteht eine fluffige Grenze zwischen Realität und Traum, nur dass es hier Alpträume sind.

In Murakamis Hard-bouled Wonderland und Das Ende der Welt geht es (unter anderem) um die Frage, ob Liebe in einer irrealen Welt real sein kann – Han Kang fragt dagegen in der Vegetarierin, ob Schuld und Angst real sein können.

An sich kennt das jeder, der mal aus einem Alptraum aufgewacht ist, das Herz rast noch, die Angst sitzt einem noch im Nacken, während wir erleichtert feststellen im sicheren Bett zu sein. Doch was, wenn es mit dem Aufwachen nicht aufhört?

Die Handlung

Yong-Hye wird von ihrer geträumten Schuld und Angst aufgefressen. Sie schläft nicht mehr, isst kaum noch und kann sich nicht mitteilen. Ihr Mann ist ihr keine Hilfe. Er sieht in ihr nur eine Gefahr für sein kleines beschauliches Glück. Wie sie ohne BH und ungeschminkt auf die Straße geht, ist sie ihm peinlich. Da sie nicht mehr mit ihm schläft, sieht er sich im Recht, sie zu vergewaltigen und als sie ihn schließlich mit ihrem „unmöglichen“ Verhalten bei einem Geschäftsessen blamiert, ist seine Geduld am Ende.

Ich musste etwas unternehmen. Zu diesem Schluss kam ich noch während der Heimfahrt von diesem Essen, das für mich zum Fiasko geworden war. Sie wirkte vollkommen ruhig. Ihr schien gar nicht bewusst zu sein, welchen Schaden sie angerichtet hatte. Den Kopf hatte sie an die Seitenscheibe gelehnt, vor Müdigkeit oder weil sie einfach nur geistesabwesend war.

Seine letzte Hoffnung ist Yong-Hyes Familie. Er hofft ihre Eltern oder ihre Schwester könnten sie wieder zur Vernunft bringen. Ein gemeinsames Essen in der neuen Wohnung ihrer Schwester wird arrangiert. Doch bei diesem Familienessen eskalliert die Situation endgültig: Für ihren Vater ist Yong-Hyes Verweigerung eine Rebellion gegen seine Autorität die ihn dazu zwingt ihr mit Gewalt Fleisch in den Mund zu schieben.

Das Familiendrama endet im Krankenhaus. Dort endet auch der erste Teil des Romans, den man so allein und für sich als Kurzgeschichte lesen könnte, aber es geht weiter – wenn auch ganz anders als erwartet.

Ein Roman in 3 Akten

Insgesamt besteht das Buch aus drei Teilen

  • Die Vegetarierin
  • Der Mongolenfleck
  • Bäume in Flammen

Und die ersten beiden könnten auch für sich alleine stehen.

Während im ersten Yong-Hyes Ehemann die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, geht es im zweiten Teil mit der Perspektive ihres Schwagers weiter. Im dritten Teil wird aus Sicht ihrer Schwester weitererzählt. Nur in ihren Träumen (im 1. Teil) erfahren wir etwas direkt von Yong-Hye:

Ein dunkler Wald. Kein Mensch weit und breit. Während ich zwischen den dornigen Büchen herumirrte, zerkratze ich mir das Gesicht und die Arme. Ich hatte den Eindruck, Teil einer Gruppe gewesen zu sein, aber offensichtlich hatte ich diese verloren. Ich hatte Angst. Mir war kalt.

Diese Perspektiven beschreiben nicht die gleiche Handlung, sondern führen die Geschichte weiter, zeigen dabei andere Aspekte und lassen doch die Hauptfigur undeutlich flimmern. Wer ist Yong-Hye? Warum tut sie, was sie tut? Worum geht es überhaupt?

Worum es eigentlich geht

Worum geht es eigentlich in diesem Roman? Ich glaube, wenn 3 Leute dieses Buch lesen, lesen sie 3 verschiedene Geschichten. Es geht um Verweigerung und Rebellion, um Schuld und Angst, um Familie und Verpflichtung, um Liebe und Ehe, um Realität und Traum. Für mich geht es um die Frage nach Realität. Wie können wir sagen, was real ist und was nicht? Yong-Hyes Schwester In-Hye fragt sich im 3. Teil

Hat Yong-Hye vielleicht lange vor ihr und in stärkerem Maße den Schmerz und die Schlaflosigkeit kennengelernt, die In-Hye seit einer Weile stumm erträgt? Ist sie deshalb schon einen Schritt weiter gegangen und hat am Ende das feine Band zur Realität durchtrennt?

Das man das Band zur Realität durchtrennen kann, das man überhaupt nur durch ein feines Band mit der Realität verbunden ist, finde ich einen faszinierenden Gedanken. Was ist dann diese Realität, von der wir denken, dass sie alles ist? Was sind wir, wenn wir uns davon lösen können?

 

Fazit

Ein Roman in dem es nicht um eine Geschichte geht. Einfach zu lesen, schwer zu verarbeiten. Episoden die Aspekte des Lebens anschauen ohne zu urteilen. Was ist? Und wie wichtig ist bei der Antwort derjenige der die Antwort gibt (oder der, der die Frage stellt)? Ein Buch für Menschen, die gerne Murakami lesen und bereit sind für einen düsteren Alptraum im beschaulichen Familienleben.

 

 

Han Kang: Die Vegetariern

Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee

190 Seiten

Aufbau Verlag

(In der Stadtbücherei Bonn vorhanden)

Published innützliches und schönes

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