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Buchtipp – Bodentiefe Fenster

„Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling ist ein düsterer Roman über den verzweifelten Kampf mit der Erwartungshaltung der eigenen Eltern, den Idealen der Kindheit, den ewigen Vergleichen der Nachbarn und KiTa-Müttern und mit sich selbst.

Es ist nicht ein klassischer Roman. Man wird hineingeworfen in Sandras Leben und Sandras Gedankenwelt und wie für sie ist es auch für den Leser manchmal schwer zu unterscheiden, was ist und was sie befürchtet, was sein könnte.

Sandra ist Anfang 40 und lebt mit Mann und zwei Kindern in einem Gemeinschaftshaus in Berlin.

Ich bin wie meine Mutter.

Ich sitze hier und heule, weil ich meine Freundin nicht retten kann.

Isa wird zugrunde gehen, sie wird in der Klapsmühle enden, die Kinder tot oder ebenfalls in der Klapsmühle oder knapp entkommen, aber nur fürs Erste, nur so lange, bis sie selbst Familie gründen, dann geht’s noch mal von vorne los.

(Seite 7)

Sandra macht sich Sorgen, um die Freundin, die mit einem Arschloch zusammen lebt, um die Schwester, um die Eltern nebenan, die ihre Kinder überbehüten und um die eigenen Kindern, denen etwas passieren könnte, weil sie sie nicht überbehütet.

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Oder besser gesagt, wie Mutter es macht, macht Mutter es verkehrt. Da drücken die Ideale der Kindheit. Ideale der Reformpädagogik, Ideen von freier Entfaltung und Gemeinschaft. Die Gemeinschaft des Gemeinschafts-Hauses ist bereits im Sinkflug auf den harten Boden von Streit und Neid.

Sie kann die Gemeinschaft nicht retten, so wenig wie die Freundin oder die Schwester, sie kann nur wahnsinnig werden vom vergeblich versuchen und zuschauen.

 

„Wie kannst du schlafen, während wir von Zombies umgeben sind?“

 

Hendrik hat den Begriff „Zombie-Modus“ geprägt, damals als wir mit meiner Schwester und meinem Schwager Weihnachten gefeiert haben.
„Lass sie“, sagte er nach einem dieser Abende, an dem ich versucht hatte, das Mandarinenfüttern und Säuseln und Reden in der dritten Person zum Thema zu machen, und Wiebke mich angesehen hatte, als sprächen wir nicht mehr dieselbe Sprache. Benjamin, mein Schwager, hatte mich gar nicht erst angesehen, sondern Erdnussschalen zerbröselt und in die Kerze gehalten.
„Gib es auf“, sagte Hendrik, „sie sind im Zombie-Modus. Sie sind nicht mehr sie selbst. Sie sehen zwar aus, als ob sie noch die wären, die du kennst, aber in Wahrheit funktioniert nur noch ihr vegetatives Nervensystem. Ihre Gefühle sind weitgehend unterdrückt zugunsten elterlicher Pflichterfüllung. Würden sie auch nur einen Bruchteil ihrer Gefühle wahrnehmen, könnten sie so nicht weitermachen. Und ihre Reaktionen sind demnach auch nicht die ihren, sondern folgen dem Schema >Das muss so sein, wegen der Kinder<. Wobei nicht ganz klar ist, wer diese Schema erstellt hat. Aber solange sie im Zombie-Modus sind, kannst du mit ihnen nicht darüber reden. Mit Zombies kann man nicht reden, man muss sich vor ihnen hüten oder sie erschießen.“
„Ich dachte, man kann Zombies nicht erschießen. Dass sie schon tot sind und deshalb nicht mehr totzukriegen.“
„Na ja“, sagte Hendrik, „genau ins Gehirn muss man ihnen schießen. Man muss ihr Gehirn zermanschen, dann sind sie weg.“

 

„Hast du die Tür zugemacht?“, fragt er jetzt.
„Ja, hab‘ ich.“
„Dann kommen sie nicht rein.“ Er hebt die Decke und rutscht noch ein Stück zur Seite. „Komm du rein. Komm ins Bett.“

(Seite 150 f.)

Anke Stelling seziert den Untergang der Ideale und wirft dabei viele Fragen auf. Fragen an die Gesellschaft und viele Fragen, die Eltern sich stellen oder stellen sollten? Wie wollen wir umgehen mit unseren Kindern, mit unseren Ängsten und Erwartungen, mit unseren Idealen und Träumen und wie mit der Realität? Sind wir wirklich ehrlich zueinender und uns selbst gegenüber?

Dazu kommt Sandras harte Erkenntnis, ob sie sich mit den Sorgen um Andere nur von den eigenen Ablenken will.

Diese vielen Fragen lassen das Buch noch lange nachklingen.

Aber es sind nicht nur die Fragen, die das Buch lesenswert machen. Es ist vor allem die schöne und präzise Sprache, die Mischung aus düsteren Bildern und feinem Humor, die Spannung in einer Handlung, in der fast nichts passiert – kurz: ein absolut lesenswertes Buch (nur nicht für Schwangere und sonstige noch Hormonüberflutete)

 

Anke Stelling

Bodentiefe Fenster

Verbrecher Verlag Berlin 2015

http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/761

(Das Bild ist von Jarmoluk – zur Verfügung gestellt über Pixabay)

Published innützliches und schönes

3 Comments

    • Sarah Sarah

      Danke M_on_a.
      Das trifft es exakter und führt zu der Frage, was bleibt von einem Ideal, wenn es im Alltag ankommt.
      Dann mach ich mich mal an das nächste Berlin-Buch.

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